Psychische Verarbeitung von sexueller Gewalterfahrung

Gewalttaten lassen sich nicht einfach "begraben". Dem Wunsch, etwas Schreckliches zu vergessen, steht die Gewissheit entgegen, daß Verleugnung unmöglich ist. Häufig jedoch wird das Schweigen aufrechterhalten und die Geschichte des traumatischen Ereignisses taucht nicht als Erzählung auf, sondern als Symptom. Als Folge von Verleugnung, Verdrängung und Abspaltung sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene, entwickeln sich oft symptomatische Verhaltensweisen, die tieferliegende emotionale Schwierigkeiten anzeigen.

Dazu gehören:
Affektive Störungen, Angst und Furcht, Depression, körperliche und psychosomatische Beschwerden, kognitive und schulische Probleme, aggressive und antisoziale Verhaltensweisen, Rückzug, übergroße Hilflosigkeit, selbstzerstörerische Verhaltensweisen, sexuelle Probleme, geringes Selbstwertgefühl und Probleme mit Beziehungen zu anderen Personen.

Um die Folgeschäden des Mißbrauchs abzumildern und das Trauma bewältigen zu können, brauchen die Betroffenen fachliche Hilfe und Unterstützung durch Beratung und Therapie.
Ein Trauma wird normalerweise nicht von selbst verarbeitet. Es gräbt sich unter den Abwehr- und Bewältigungsstrategien - wie Verdrängung, Gespaltenheit, Selbstbetäubung
u. a. - immer tiefer ein.
Aus diesem Grunde ist es auch von Vorteil, wenn die Behandlung rechtzeitig begonnen werden kann und kein großer zeitlicher Aufschub stattfindet.

In der eigentlichen Therapie kommt es dann vor allem darauf an, die Erfahrungen jedes einzelnen Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen als einzigartig anzusehen. Zwar können anhand von bestimmten Kriterien wie z. B. Dauer des Mißbrauchs, Anzahl der dadurch verursachten Symptome, Person des Täters und die Beziehung zu ihm, Alter des Opfers - Vermutungen über die Auswirkung der Tat angestellt werden, aber jede/ jeder Betroffene reagiert unterschiedlich.

Wir können davon ausgehen, daß zwischen traumatischen Syndromen grundlegende Gemeinsamkeiten bestehen und somit auch der Heilungsprozeß auf ähnliche Weise verläuft.
Wichtige Phasen der Genesung sind:
- Herstellung von Sicherheit
- Die Rekonstruktion der Geschichte des Traumas
- Die Wiederherstellung der Verbindung zwischen Opfer und Gemeinschaft

Ohnmacht und Isolation sind Grunderfahrungen jedes Opfers sexuellen Mißbrauchs und somit sind auch wichtigste Behandlungsprinzipien, die Persönlichkeit des Opfers wieder aufzubauen und zu stärken, die Isolation aufzuheben und die Hilflosigkeit durch eine Erweiterung der Entscheidungsmöglichkeiten zu verringern. Insgesamt besteht also im Verlaufe eines erfolgreichen Genesungsprozeßes ein allmählicher Übergang von einem Grundgefühl ständiger unberechenbarer Gefahr zu einem Gefühl verläßlicher Sicherheit, vom abgespaltenen Trauma zur bewußten Erinnerung und von der stigmatisierten Isolation zu einer erneuten Einbindung in das soziale Gefüge.